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Ironman zur See

Während die Umbauten an unserer „Test“ im vollen Gange sind und wir diese Saison aufgrund dessen leider pausieren mussten, hört der Segelspaß natürlich trotzdem nicht auf.
 
Eines meiner persönlichen Highlights dieses Jahr war sicherlich das Vegvisir Race in Dänemark, welches in Nykobing startet und die Teilnehmer über verschiedene Kurse durch die Dänische Ostsee schickt. Man kann wählen zwischen verschiedenen Modi der Teilnahme, Thoralf und ich entschieden uns für die doublehanded Langstrecke über 210 Meilen.
 
Nach der Überführung von Rostock, die wir leider auf der deutlich längeren Route nördlich von Falster bestreiten mussten weil die X35 für den Guldborgsund zuviel Tiefgang hat, blieben noch 2 Tage Zeit um das Schiff zu optimieren und Manöver zu trainieren. Vor allem testeten wir den Gennaker, den wir uns freundlicherweise von der S/Y Protest ausleihen konnten. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank dafür!
 
Am Donnerstag um 18:15 Uhr fällt dann der Startschuss. Bei 4-10kn böigem Wind legen wir einen nahezu perfekten Start in Lee hin und haben nach der Kreuz durch das enge Fahrwasser bereits nach wenigen Stunden knapp eine Meile Vorsprung vor unseren Verfolgern.
In der Dämmerung passieren wir die erste kritische Stelle südlich Fejo wo wir aufgrund einer ungenauen Tiefenlinie in der elektronischen Seekarte auch direkt das erste und einzige Mal auf Grund laufen. Aufgrund des schwachen Windes müssen wir die Maschine nutzen um frei zu kommen, was eine deftige Zeitstrafe bedeutet. Egal, Kopf hoch, abhaken, weiter geht’s.
 
Das Feld ist während dieser Aktion wieder deutlich aufgekommen. Gennaker hoch und zwischen Fejo und Femo durch. Nördlich der Insel ist es zu flach für die X35. Leider gerade so, weshalb die Konkurrenz gut und gerne 2 Meilen abkürzen kann. Auch das gehört zum Vegvisir Race, bei dem es keine Verrechnung nach Yardstick oder ORC gibt.
Irgendwie passt der Bootsspeed so gar nicht mehr zu den Targets. Irgendwas müssen wir eingesamelt haben. Also kurz rückwärts segeln, Schoten wieder anziehen – gleich 3 Knoten mehr...
 
Mit einigen hundert Metern Rückstand zur Spitzengruppe und einer dicken Zeitstrafe im Nacken geht es unter Gennaker mit 8-9kn Bootsspeed in die Nacht. Bald müssen wir den Kite wegnehmen, der Wind hat angespitzt und zugenommen auf ca. 20kn. Als wir die Nordspitze von Agerso By erreichen, können wir wieder Gennaker fahren. Der Spaß dauert jedoch nur 3 Minuten an: Gewitterfront, 25kn gegenan, Kite irgendwie weg und kreuzen. Das Schiff ist mit Jib2 und Reff im Groß immer noch überfordert aber wir haben momentan keine Option. Im Morgengrauen ist der Wind dann wie ausgeknipst. Mit gerade mal 5-7kn Wind und der noch anstehenden Welle bringen wir die „intoxicated“ mit Mühe auf 5kn Speed am Wind. Aber der Konkurrenz geht es nicht besser, wir machen Meter um Meter gut.
 
Nördlich Langeland übernehmen wir wieder die Führung und können diese auf der folgenden Kreuz nach Rudkobing deutlich ausbauen. Eine weitere Regenfront und der darin enthaltene Dreher helfen dabei. Thoralf und Ich merken langsam deutlich die Auswirkungen der Strapazen bis hierher. Etwa die Hälfte der Bahn ist abgesegelt und wir müssen locker schon 150 Meilen durchs Wasser gemacht haben.
 
Hinter der Brücke von Rudkobing kommt es dann zum Showdown: Der Wind steht uns mit locker 25kn im sehr engen Fahrwasser genau auf der Nase. So ein Riesen***.
Reff und Jib2 sind viel zu viel aber wir können nichts machen. Wende um Wende prügeln wir die X35 gegenan. Nach ca. 1,5 Stunden wir der Korridor endlich breiter. Allerdings hat auch der Wind nochmal zugelegt und jetzt konstant 30kn. Das Foliengroß schlägt nur noch und die Refföse sieht so aus als könnte sie uns jeden Moment um die Ohren fliegen. Thoralf meint wir pushen das Schiff zu hart. Ich weiß. Aber was sollen wir machen? Vorsegelwechsel bei diesen Bedingungen? Komplett unmöglich. Großsegel bergen? Schwer vorstellbar zu zweit. Aber wir müssen es versuchen. Den Autopiloten können wir vergessen. Also Steuerrad am Wind festbinden und los geht’s. Irgendwie schaffen wir es in den nächsten 20min das Groß unter Deck zu kriegen. Mit viel Glück und den letzten Kraftreserven. Ohne Groß laufen wir schneller als mit.
 
Wir erreichen das Fahrwasser bei Marstall. Inzwischen haben wir wieder 2 Meilen Vorsprung aber da ist ja auch immer noch die Zeitstrafe. Als wir die offene Ostsee erreichen, begrüßen uns 2m Welle exakt von vorne und zu allem Überfluss nimmt der Wind kontinuierlich ab bis auf ca.8-10kn. Wir nutzen die Gelegenheit um das Groß wieder anzuschlagen und zu setzen. Die letzte Chance dafür wie sich herausstellen sollte. Kurze Zeit später haben wir die Bahnmarke gerundet und begeben uns auf das 30 Meilen lange nächste Leg. Für den Kite zu spitz, weil wieder 20kn Wind. Ich bin völlig erschöpft und melde mich kurz ab. Aus Schlafen wird aber nichts, denn keine 20min später wehen uns wieder 25 bis 30kn aufs Heck. Platt vor Laken surfen wir eine Welle nach der anderen, die Böen gehen bis 35kn. Wir überlegen kurz den Spi zu ziehen, ich bin dafür, Thoralf dagegen. Als ich kurz darauf das Steuern übernehme, merke ich was er meint. Die X ist einfach nicht für Starkwindritts gedacht und schon gar nicht Vorwind. Das Heck ist sehr schmal und das „Wohlfühlfenster“ daher sehr klein. Auch ohne Kite fahren wir beide jeweils einen Sonnenschuss. Mit 12,13,14kn geht es zur nächsten Bahnmarke.
 
Einige Q-Wenden später runden wir sie, wobei wir ordentlich Meter verschenken müssen wegen der auslaufenden Fähre aus Rodby. Schoten dicht, ein bisschen Artistik auf dem Großbaum um die Reffleine wieder einzuziehen, Reff rein und weiter geht’s. Unter Jib3 und Reff geht es grade so, aber das Schiff ist am Limit. Nach jeder Wende packe ich die Überführungssegel auf die jeweils neue hohe Kante. Der Job fällt mir inzwischen sehr schwer... Egal noch 50Meilen. Wieder wird es Nacht. An der Westküste Lollands hangeln wir uns zurück in die Inselwelt. Noch einmal Augen zusammenkneifen und bitte keine Untiefe auf dem Tablet übersehen. Mit 7-8kn will man da nicht auflaufen, dann ist das Rennen vielleicht vorbei. Wir kriechen beide auf dem Zahnfleisch. Die letzten Meilen bis zur Guldborgsundbrücke kämpfen wir uns wieder im spitzen Halbwind mit 25kn Wind ab.
 
Hinter der Brücke dann Kreuz durch das sehr enge Fahrwasser bei 4-8kn Wind. Es hört auch nie auf. Als ob Fahrrinnen zum Kreuzen gemacht wurden. Bei dieser Regatta könnte der Eindruck entstehen. Im Morgengrauen überqueren wir die Ziellinie. Mehr als ein müdes Lächeln ist uns nicht mehr abzuringen dabei. Beim Segel auftuchen fahren wir in den Schlamm... auch schon egal. Irgendwie fest machen und das war´s. Geschafft. Was für ein Kampf.
Nach Einlaufbier und Snack im Vereinsheim sowie der lang ersehnten warmen Dusche fallen wir in die Kojen und wachen erst am späten Nachmittag wieder auf.

Die Siegerehrung findet im extra aufgebauten Festzelt statt. Trotz der Zeitstrafe, die statt wie angenommen 20min nun doch 40min beträgt, haben wir mit 17min Vorsprung die Medium Gruppe gewonnen! Von 14 Schiffen erreichten am Ende nur 5 überhaupt das Ziel.
Die Bilanz des Rennens: Ein Kielabriss mit nachfolgender Kenterung und Beinahe-untergang, ein Mann-über-Bord. Glücklicherweise gab es aber keine Verletzten und alle sind wieder heil zurück Hafen.
 
Das Vegvisir Race fand in diesem Jahr das zweite Mal statt. Insgesamt nahmen 114 Yachten teil. Ein wirklich taffes Rennen, was mir aber sehr viel Spaß gemacht hat und uns nächstes Jahr vielleicht wieder auf der Meldeliste sehen wird.
Insgesamt stehen inklusive der Überführungen nach diesen Tagen ca. 450 Meilen mehr auf dem Saisontacho...
 
Matthias Rummel